Folge 2: Lesiewicz spricht mit Benjamin Böhm, Vorstand der Heindl Internet AG
Im Jahr 2000 bewirbt sich ein frisch diplomierter Mathematiker bei einer Tübinger Internetagentur. Seine Arbeitsprobe bringt er auf drei Disketten mit – eine selbstgebaute Webseite, aufgebaut wie ein Buch. Man klickt auf das Titelbild, es klappt auf, ein Inhaltsverzeichnis erscheint, jede Seite hat eine Ecke zum Umblättern.
Der Chef steckt die Disketten in den Rechner. Alles funktioniert. Und ohne es zu wissen, hat der Bewerber genau das Bild reproduziert, das sein künftiger Chef von guten Webseiten hatte: „Webseiten müssen sein wie ein Buch.“
Der Bewerber bekam den Job. Sein Name ist Benjamin Böhm. Heute ist er Vorstand der Heindl Internet AG – seit über 13 Jahren, im Unternehmen und in der Branche seit 25.
In der zweiten Folge unseres Podcasts „Lesiewicz spricht mit“ haben wir mit ihm gesprochen. Über seinen Weg, über Online-Marketing im Mittelstand und über die Technologie, die gerade alles in Bewegung bringt: künstliche Intelligenz.
Wer nicht gefunden wird, existiert nicht
Eine seiner Grundüberzeugungen ist einfach und unbequem zugleich: „Wer keine Werbung macht, den kennt man nicht. Und wen man nicht kennt, den findet man auch nicht.“
Die Frage, wo Menschen heute nach Lösungen suchen, beantwortet Benjamin Böhm klar. Nicht mehr in den Gelben Seiten. Online. Lange war das vor allem Google. Heute kommt ein wachsender Anteil über KI-gestützte Suche hinzu.
Für den Mittelstand heißt das: Der Schwerpunkt hat sich verschoben – vom gedruckten zum digitalen Marketing. Wer hier nicht sichtbar ist, verliert den Anschluss an Kunden, die längst online recherchieren.
Der häufigste Fehler: über sich selbst reden
Wenn Heindl heute eine Webseite neugestaltet, steht am Anfang oft ein Perspektivwechsel. Denn viele Unternehmensseiten transportieren immer noch eine reine Innensicht.
Benjamin Böhm beschreibt das pointiert: „Herzlich willkommen bei ‚Wir sind das Superunternehmen für …'“. Über uns, unsere Geschichte, unsere Philosophie – und der eigentliche Leser, der potenzielle Kunde, kommt darin gar nicht vor.
Sein Gegenmodell ist schlicht:
- Das Problem des Kunden benennen. („Es gibt folgende Herausforderung.“)
- Die Lösung zeigen. („Dafür haben wir folgenden Ansatz.“)
- Den nächsten Schritt anbieten. („Rufen Sie uns an. Schreiben Sie uns.“)
Diese Drehung – weg von der Selbstdarstellung, hin zum Kunden – ist aus seiner Sicht bei vielen noch nicht vollzogen. Sie hat nebenbei einen handfesten Effekt auf die Auffindbarkeit: Was auf einer Webseite weit vorne steht, gewichtet die Suchmaschine als besonders relevant. Wer dort „Über uns“ platziert statt der Themen seiner Kunden, verschenkt Sichtbarkeit.
KI im Mittelstand: das Werkzeug ist da – aber wofür?
Den größten Raum im Gespräch nahm die Frage ein, die derzeit fast jede Geschäftsführung beschäftigt: Wie gehe ich mit KI um?
Benjamin Böhms Bild dafür ist treffend: „Sie haben ein tolles Werkzeug. Sie wissen nur noch nicht genau, wofür Sie es brauchen.“
Der Markt sei voll von Anbietern, die alles versprechen und wenig konkret benennen. Die eigentliche Aufgabe liege deshalb nicht beim Tool, sondern im eigenen Unternehmen: Welche Prozesse gibt es? Wo lassen sich Schritte automatisieren oder mit KI lösen?
Zwei Haltungen empfiehlt er dabei:
Erstens: Vertrauen statt Perfektionismus. Nicht alles vorab bis ins Letzte durchdringen wollen. Lieber spielerisch ausprobieren, einen Prompt absetzen, schauen, was passiert – den Datenschutz immer im Blick. Klappt es nicht, wird der Prompt nachgeschärft.
Zweitens: KI ersetzt keine Menschen. „Ich werde keinen Mitarbeiter durch KI ersetzen“, sagt Benjamin Böhm. Es brauche weiterhin Menschen, die mit Erfahrung kontrollieren, was die KI liefert. KI unterstützt – sie übernimmt nicht.
Was bleibt
Benjamin Böhms wichtigster Rat an den Mittelstand passt zu seiner ganzen Geschichte – von den drei Disketten bis heute: „Neugierig bleiben. Ausprobieren. Im Austausch bleiben.“
Das Wissen im Unternehmen ist größer, als es eine Person allein überblicken kann. Die besten Impulse entstehen oft im Gespräch – mit den eigenen Leuten und mit Stimmen von außen.
Ein Gedanke, der gut zu unserem Podcast passt. Denn genau darum geht es uns: zuhören, verstehen, und voneinander lernen.
🎧 Die ganze Folge hören: Folge 2 „Lesiewicz spricht mit“ Benjamin Böhm auf Spotify
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Über unseren Gast: Benjamin Böhm ist Vorstand der Heindl Internet AG in Tübingen. Mehr über ihn und sein Unternehmen:
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