Führung unter Druck: Wie Geschäftsführer schwierige Entscheidungen klarer treffen

Folge 8: Lesiewicz spricht mit Dr. Dorthe Heinsohn, Inhaberin von Dr. Heinsohn Consulting


In dieser Folge von „Lesiewicz spricht mit“ sprechen wir mit Dorthe Heinsohn über Führung, Veränderung und Entscheidungen unter Druck.

Dorthe Heinsohn kommt ursprünglich aus der Industrie. Sie hat rund 20 Jahre im Bau und in der Automobilindustrie gearbeitet. Zahlen waren lange ihre berufliche Heimat, bis sich ihr Schwerpunkt zunehmend in Richtung Menschen, Führung und Veränderung verschoben hat.

Besonders geprägt hat sie ihre Zeit in Detroit. Dort erlebte sie vor knapp 20 Jahren den freien Fall der Automobilindustrie mit und hatte die Möglichkeit, einen Turnaround zu begleiten. In diesem Zusammenhang wurden rund 70 Millionen Dollar pro Jahr eingespart.

Für sie war diese Erfahrung ein wichtiger Wendepunkt. Denn nach Restrukturierung, Kostendruck und Veränderung bleibt immer auch die Frage, was mit den Menschen passiert, die im Unternehmen bleiben und weiterhin einen Beitrag leisten möchten.


Heute begleitet Dorthe Heinsohn mit Dr. Heinsohn Consulting vor allem Top-Führungskräfte, Geschäftsführer, C-Level-Verantwortliche und Aufsichtsräte.

Ihr Schwerpunkt liegt auf Führung und Change. Dabei betrachtet sie nicht nur das konkrete Business-Thema, das gerade auf dem Tisch liegt, sondern auch die Person, die führt, und die Wirkung, die diese Person im Team, im System und in der Organisation erzeugt.

Gerade auf oberster Führungsebene haben Entscheidungen eine besondere Wirkung. Wenn es ganz oben wackelt, bleibt das selten ohne Folgen für das Unternehmen. Deshalb setzt Dorthe Heinsohn genau dort an: bei den Menschen, die Verantwortung tragen, Entscheidungen treffen müssen und gleichzeitig Orientierung für andere geben.

Im Gespräch beschreibt sie Führung stark über Selbstführung. Es geht also nicht nur darum, andere zu führen, sondern zuerst darum, als Führungspersönlichkeit selbst klar, stabil und handlungsfähig zu bleiben.


Ein Muster, das Dorthe Heinsohn in Unternehmen beobachtet, ist besonders interessant: Absicherung sieht oft aus wie Sorgfalt.

Noch ein Steering Committee, noch eine Abstimmungsrunde, noch jemand zusätzlich auf CC. Von außen kann das professionell und umsichtig wirken. Gleichzeitig kann dahinter Unsicherheit stehen: Welche Entscheidung soll ich treffen? Was passiert, wenn ich falsch entscheide? Habe ich wirklich genug Rückendeckung?

Das bedeutet nicht, dass Abstimmung falsch ist. Gute Entscheidungen brauchen Informationen, Perspektiven und saubere Abwägung. Schwierig wird es dann, wenn Abstimmung nicht mehr der Klärung dient, sondern die Entscheidung immer weiter vertagt.

Gerade im Mittelstand können solche Verzögerungen relevant werden. Dorthe Heinsohn nennt als Beispiel Entscheidungen in einer Größenordnung von einer Million Euro pro Jahr. Wenn eine solche Entscheidung liegen bleibt, entsteht schnell ein wirtschaftlicher Effekt, auch wenn zunächst „nur“ weiter geprüft, abgestimmt oder vertagt wird.


Ein weiteres Muster, das Dorthe Heinsohn beschreibt: Wenn es schwierig wird, kann der Fokus in der Führung sehr eng werden.

Dann steht häufig die Frage im Vordergrund, was getan werden muss, um das Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen. Das ist nachvollziehbar. In schwierigen Phasen braucht es Orientierung, Prioritäten und Entscheidungen.

Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die Menschen aus dem Blick geraten. Gerade wenn es keinen perfekten Plan gibt, wird Kommunikation besonders wichtig. Mitarbeitende müssen nicht immer sofort eine vollständig ausgearbeitete Strategie für die nächsten Jahre bekommen. Aber sie brauchen Einordnung, Orientierung und das Gefühl, dass Führung sichtbar bleibt.

Führung unter Druck bedeutet deshalb nicht nur, Entscheidungen zu treffen. Es bedeutet auch, Menschen mitzunehmen, obwohl noch nicht alles final geklärt ist.


Ein weiterer Punkt aus dem Gespräch ist im Mittelstand besonders relevant: der Gedanke „Ohne mich geht es nicht“.

Gerade in Familienunternehmen und inhabergeprägten mittelständischen Betrieben ist dieser Gedanke oft nachvollziehbar entstanden. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer haben ihr Unternehmen aufgebaut, geprägt oder über Jahre durch schwierige Situationen geführt. Sie kennen Kunden, Mitarbeitende, Abläufe, Zahlen und Details.

Doch genau daraus kann ein Muster entstehen, das das Unternehmen ausbremst. Wenn eine Person immer informiert sein, überall mitreden oder alles selbst regeln muss, entsteht zwar kurzfristig ein Gefühl von Kontrolle. Langfristig kann genau diese Kontrolle aber Entlastung, Verantwortungsteilung und Weiterentwicklung verhindern.

Dorthe Heinsohn beschreibt in diesem Zusammenhang auch die Wirkung auf das persönliche Leben. Wenn selbst beim Essen noch schnell aufs Handy geschaut wird, weil ein Thema, eine Nachricht oder eine Entscheidung nicht loslässt, zeigt sich, wie weit beruflicher Druck in andere Lebensbereiche hineinwirken kann.


Viele Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer im Mittelstand haben niemanden, mit dem sie schwierige Entscheidungen wirklich durchdenken können.

Dorthe Heinsohn empfiehlt in solchen Situationen nicht, sofort noch mehr Menschen zu fragen. Ihr erster Schritt ist ein anderer: zunächst wieder zur eigenen Entscheidungsinstanz zurückzufinden.

Dazu gehört aus ihrer Sicht die Frage: Was muss ich eigentlich entscheiden?

Das klingt einfach, ist in der Praxis aber oft eine der schwierigsten Aufgaben. Denn Entscheidungssituationen werden mit der Zeit größer. Es kommen Vorgeschichten dazu, Details, Zahlen, Einschätzungen, Interessen, Risiken und mögliche Konsequenzen.

Umso wichtiger ist es, die eigentliche Entscheidung wieder auf den Punkt zu bringen. Was muss wirklich entschieden werden? Was macht diese Entscheidung gerade schwer? Ist es ein fehlender Fakt? Ist es ein innerer Widerstand? Ist es eine Gedankenschleife? Oder ist es vielleicht eine Verantwortung, die gar nicht vollständig bei einer einzelnen Person liegen müsste?

Erst wenn die eigene Position klarer wird, kann eine Außenperspektive wirklich hilfreich sein. Dann ersetzt sie nicht die eigene Entscheidung, sondern ergänzt sie.


Ein wichtiger Punkt im Gespräch war die Frage, warum es sich für manche Entscheiderinnen und Entscheider wie ein Eingeständnis von Schwäche oder Scheitern anfühlen kann, Hilfe von außen zu holen.

Dorthe Heinsohn dreht diese Perspektive um. Sie stellt sinngemäß die Gegenfrage, wie verantwortungsvoll es ist, eine relevante Entscheidung wochenlang allein im Kopf hin und her zu schieben, nur weil man glaubt, sie allein lösen zu müssen.

Ein neutraler Blick von außen bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben. Gerade bei wichtigen Entscheidungen kann ein Sparringspartner helfen, das Rauschen zu reduzieren, Gedanken zu sortieren und Referenzpunkte zu geben.

Die Entscheidung selbst bleibt bei der Person, die Verantwortung trägt. Aber ein unverstellter Blick von außen kann helfen, die eigene innere Klarheit wieder besser wahrzunehmen.

Je höher jemand in der Hierarchie steht, desto schwieriger kann es werden, wirklich neutrale Gesprächspartner zu finden. Dort, wo Macht, Politik, Erwartungen und Rollen eine Rolle spielen, ist ein unabhängiger Blick oft besonders wertvoll.


Was aus dem Gespräch mit Dorthe Heinsohn bleibt, ist vor allem der Gedanke, dass Führung nicht nur aus Entscheidungen besteht, sondern aus Klarheit.

Klarheit darüber, was wirklich entschieden werden muss. Klarheit darüber, ob noch Informationen fehlen oder ob längst genug Informationen vorliegen. Klarheit darüber, welche Verantwortung bei einem selbst liegt und welche vielleicht geteilt oder delegiert werden kann.

Gerade in unruhigen Zeiten kann es helfen, nicht am Schreibtisch sitzen zu bleiben, sondern bewusst Abstand zu gewinnen. Dorthe Heinsohn empfiehlt, sich bei wichtigen Entscheidungen einen ruhigen Moment zu nehmen, die Umgebung zu wechseln und sich zu fragen, ob wirklich noch mehr Informationen gebraucht werden.

Denn häufig liegen bereits mehrere fachlich richtige Antworten auf dem Tisch. Die eigentliche Herausforderung ist dann nicht mehr, weitere Informationen zu sammeln, sondern zu erkennen, welche Entscheidung zur Situation, zum Unternehmen und zur eigenen Verantwortung passt.

Führung bedeutet deshalb nicht, alles allein lösen zu müssen. Führung bedeutet auch, zu erkennen, wann ein neutraler Blick von außen hilfreich ist.


Die ganze Folge hören Folge 8 „Lesiewicz spricht mit“ Dr. Dorthe Heinsohn auf Spotify

Mehr aus dem Podcast: Alle Folgen im Überblick

Über unseren Gast: Dr. Dorthe Heinsohn ist Inhaberin von Dr. Heinsohn Consulting. Mehr über sie und ihr Unternehmen:

  • Live-Online-Reihe von Dr. Dorthe Heinsohn: „Innere Ruhe in unruhigen Zeiten. Klare Führung, wenn der Druck steigt.“
    Vier kompakte Live-Sessions für Führungspersönlichkeiten, die auch unter hoher Komplexität wieder klarer aus ihrer eigenen inneren Referenz führen wollen. 16.-19.11.2026, jeweils von 7:30 bis 8:45 Uhr: Anmeldung unter: Events – Dr. Heinsohn Consulting
  • LinkedIn: Dr. Dorthe Heinsohn | LinkedIn
  • Webseite Dr. Heinsohn Consulting: https://heinsohn-consulting.com/

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