Bürgermeister und Unternehmer: näher dran, als man denkt

Folge 5: Lesiewicz spricht mit Jan Hambach, Bürgermeister der Stadt Freiberg am Neckar


Ein Schüler in Renningen ärgert sich. Er sieht, wie im Verein alle meckern, aber kaum jemand bereit ist, selbst etwas zu verändern. Also engagiert er sich – erst im Ehrenamt, dann in der Kommunalpolitik. Nach dem Bundesfreiwilligendienst beim Roten Kreuz und einem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Hohenheim führt sein Weg über die IHK-Bezirkskammer Böblingen bis nach Calw, wo er als Stellvertreter des Oberbürgermeisters die Verwaltung von der anderen Seite kennenlernt.

Der Schüler heißt Jan Hambach. Seit gut zwei Jahren ist er Bürgermeister der Stadt Freiberg am Neckar und einer der wenigen Amtsträger, die nicht aus der klassischen Verwaltungslaufbahn kommen.

In unserem Podcast „Lesiewicz spricht mit…“ haben wir mit ihm über Freiberg als Wirtschaftsstandort gesprochen: Was eine Kommune für Unternehmen leisten kann und was sie im Gegenzug braucht.


Jan Hambach beschreibt sein Amt über drei Rollen: Repräsentant der Gemeinde nach außen, Vorsitz im Gemeinderat – wo er eine Stimme unter 23 hat – und Chef einer Verwaltung mit knapp 400 Mitarbeitenden, von der Kernverwaltung über den Bauhof bis zu Kindergärten und Stadtbibliothek.

Eine Beobachtung, die im Gespräch überraschend oft aufkam: „Eine Unternehmensführung im mittelständischen Betrieb und ein Bürgermeisteramt unterscheiden sich gar nicht so arg“, sagt Jan Hambach. Beide tragen die Verantwortung für alles, was in ihrer Organisation passiert, beide stecken viel Zeit in Koordination – und beide beschäftigen ähnliche Themen: Personalführung, Bürokratie, die finanzielle Lage.


Am häufigsten geht es um Erweiterungen bestehender Unternehmen oder um Anfragen von Firmen, die sich neu in Freiberg ansiedeln wollen. Daneben stehen ganz alltägliche Themen auf der Liste: eine Parksituation, der Glasfaseranschluss, die Abwicklung von Bauanträgen. Und immer wieder die Frage, ob die Verwaltung als Dienstleister auftritt – oder eben nicht.

Für den Austausch mit größeren Unternehmen gibt es in Freiberg das Unternehmerforum, das gemeinsam Fortbildungen und Unternehmensbesuche organisiert – ein Format, das auch die Stadt selbst regelmäßig nutzt.


Das erste Stichwort: Flächen vorausschauend schaffen. Freiberg ist in fast alle Richtungen natürlich oder baulich begrenzt – Naturschutzgebiet, Grünzug, Hochspannungsleitungen. Aktuell verhandelt die Stadt mit einem Leitungsbetreiber, eine bestehende Hochspannungsleitung vom Gewerbegebiet wegzurücken, um Flächen freizumachen. Nicht für akute Anfragen allein, sondern mit Blick auf die nächsten 15 bis 30 Jahre: „Wenn Unternehmen kommen und ich erst anfange, Flächen zu erschließen, gehen Jahre ins Land. Hab ich das schon vorbereitet, habe ich einen Standortvorteil.“

Das zweite Stichwort: Pragmatismus in der Verwaltung. Jan Hambach versucht, bei seinen Führungskräften einen Mentalitätswechsel voranzutreiben – weg von reiner Absicherung, hin zum bewussten Nutzen von Ermessensspielräumen. Beim neuen „Bauturbo“, der Baugenehmigungen beschleunigen soll, heißt das: Brandschutz, Nachbarschaftsrechte und Statik werden geprüft – bei allem anderen wird, wo vertretbar, auch mal ein Auge zugedrückt. Sein Argument dahinter reicht über Freiberg hinaus: „Wenn wir es nicht schaffen, dass der Staat im Alltag anders wahrgenommen wird, verlieren wir als Demokratie irgendwann die Akzeptanz.

Klare Grenzen gibt es trotzdem: Bei Themen wie Arten- oder Emissionsschutz ist die Stadt auf übergeordnete Behörden angewiesen. Jan Hambachs Beobachtung dazu: Je weiter eine Behörde von der Sache entfernt ist, desto weniger pragmatisch agiert sie in der Regel – ein Punkt, an dem er sich auch selbst als Vermittler versteht, wenn Unternehmen an starre Vorgaben stoßen.


Auf die Frage, was er sich von Unternehmen und Mittelstand zurückwünscht, nennt Jan Hambach zuerst den aktiven Austausch, über Formate wie das Unternehmerforum, aber auch informell. Und gesellschaftliches Engagement: Unternehmen, die den Bürgerfestlauf unterstützen, Aktionen in Schulen und Kitas mitsponsern oder sich bei der Freiberger „Jobbrücke“ und dem Berufswegeplanspiel einbringen, das Auszubildende auf Bewerbungsgespräche vorbereitet.

Für ihn ein Geben und Nehmen: Unternehmen werden sichtbarer und gewinnen leichter Nachwuchs, die Stadt gewinnt Gemeinschaft und beide Seiten verstehen die Herausforderungen der anderen besser. Sein Wunsch dabei: dass keine Seite schon mit einer Blockadehaltung in den ersten Kontakt geht.


Rathaus und Mittelstand ticken ähnlicher, als es das gängige Bild oft vermuten lässt – beide führen, koordinieren und tragen Verantwortung für eine Organisation, die größer ist als eine einzelne Person. Wo Kommunen vorausschauend planen und Ermessen mutig nutzen, entsteht ein echter Standortvorteil. Und wo Unternehmen den Austausch aktiv suchen, statt auf Distanz zu bleiben, profitieren am Ende beide Seiten.


🎧 Die ganze Folge hören Folge 5 „Lesiewicz spricht mit“ Jan Hambach auf Spotify

Mehr aus dem Podcast: Alle Informationen im Überblick

Über unseren Gast Jan Hambach ist Bürgermeister der Stadt Freiberg am Neckar. Mehr über ihn und die Stadt:

Lesiewicz versteht Mittelstand: Ein Überblick unserer Leistungen